BiodiversitätBiologische Vielfalt

Die Rolle der Agrobiodiversität bei der Hungerbekämpfung

Nachhaltige Ernährungssicherheit und Agrobiodiversität gehören zusammen

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) haben derzeit 842 Millionen Menschen auf der Welt nicht genug zu essen. Nach Schätzungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) wird die Weltbevölkerung von derzeit etwa 7,2 Milliarden bis 2050 auf gut 9,6 Milliarden Menschen wachsen. Demgegenüber stehen die bis Mitte des Jahrhunderts immer weiter zunehmenden Klima- und Ökologieprobleme, die die Situation des Welthungers vermutlich noch verschärfen werden.
So werden sich gerade in den Entwicklungsländern die Auswirkungen des Klimawandels am Stärksten zeigen: Die Tropen und Subtropen werden teilweise unter zunehmenden unregelmäßigen Temperaturspitzen bei gleichzeitig unregelmäßigerem Niederschlag zu leiden haben (Halewood, M.; Mathur, P.; Fadda, C.; Otieno, G, 2013), also damit auch unter verstärkten Dürren und Fluten (Bioversity 2013a).

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs ist zudem davon auszugehen, dass dies zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion von 20-40% in einigen Entwicklungsländern führen wird (FAO 2013). Dies verstärkt den Druck auf die natürlichen Ressourcen und kann wiederum zu sozialen Konflikten führen. Nach Europäischer Kommission und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen haben in den letzten 60 Jahren mindestens 40% aller innerstaatlichen Konflikte einen Zusammenhang zu natürlichen Ressourcen aufgewiesen (EC and UNEP 2011).

Um dieser Entwicklung entgegen zu treten, ist die Erhaltung einer möglichst breiten genetischen Vielfalt unabdingbar: Es können an die Klimaänderungen angepasste Nutzpflanzensorten und Nutztierrassen gefunden werden, um die lokale Nahrungsmittelversorgung in verschiedenen Regionen der Welt zu gewährleisten.
Die zunehmende Mechanisierung, die hohe Produktionsnachfrage und die Qualitätserwartungen der heutigen Konsumenten bringen jedoch die Bauern weltweit dazu, sich auf immer weniger Nutzpflanzensorten und Nutztierrassen zu konzentrieren. Das Ergebnis ist ein ständiger Verlust an Biodiversität, zur Zeit sind weltweit 940 Kulturpflanzensorten (Bioversity 2013a) und 1800 Nutztierrassen bedroht. Der Verlust der Agrobiodiversität wirkt sich dabei auf die assoziierten Ökosystemdienstleistungen in diesen Agrarökosystemen aus. 
Einige Beispiele zur Veranschaulichung der Bedeutung von Agrobiodiversität 
1. Die Intensivierung der Landwirtschaft, d.h. der Anbau von Monokulturen und starker Pestizideinsatz, belastet das Wasser und lässt die Böden verarmen. Je nach Bodenqualität wird der Boden so immer weniger ertragreich. Oft ist der Boden für den Anbau nur noch durch kostspielige weitere Düngung verbunden mit erneuter Schadstoffbelastung weiter zu halten (environmental degradation). Die Bodenfruchtbarkeit und ausreichende Wasserhaltefähigkeit kann jedoch nur durch ein vielfältiges Leben im und auf dem Boden erhalten werden. 
2. Bestäuber tragen weltweit zur Produktion von über 75% der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen bei (Bioversity 2013a). Das sind 35% des gesamten weltweiten Ernteertrags (FAO 2013). Diese Bestäuber finden aber nur in einer Umgebung mit Pflanzenvielfalt eine ausreichende Lebensgrundlage. In Monokulturen verschwinden Bestäuber zunehmend, was wiederum künstliche Bestäubung oder den Transport von Bienenvölkern über weite Strecken in LKWs auf die Felder nötig macht.
3. Die globale Agrarproduktion konzentriert sich zunehmend auf einige wenige Nutzpflanzen, bei Getreide sind dies Weizen, Reis und Mais. Hunderte andere lokale, weniger produktive Sorten sind so benachteiligt. Diese weniger populären Sorten haben einerseits eine große Bedeutung in Bezug auf die Agrobiodiversität und Resilienz der Nahrungsmittelsysteme. Andererseits bilden sie auch oft sogar das Rückgrat der lokalen Nahrungsmittelversorgung in den Entwicklungsländern (Padulosi, S.; Thompson, J.; Rudebjer, P., 2013), die vorwiegend durch Kleinbauern und low input farming getragen wird. Zudem sind diese sogenannten NUS (neglected and underutilized species) oft resistenter gegenüber Schädlingen und Krankheiten und oft anpassungsfähiger gegenüber ungünstigen klimatischen Bedingungen (Bioversity 2013b).
Zudem sind auch die Hochleistungsrassen der Nutztiere aus den Industrieländern oft krankheitsanfälliger und weniger gut an die Klima- und Umweltbedingungen der Entwicklungsländer angepasst.
Deshalb ist der Erhalt der lokalen Sorten und Rassen auch eine „Versicherung“ gegen zukünftige Herausforderungen (GEH 2001).
Auch die Nichtholzprodukte (sogenannte NTFP =non-timber forest products) haben, abseits der industriellen Intensivlandwirtschaft, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die FAO schätzt, dass 80% der Bevölkerung der Entwicklungsländer Nichtholzprodukte für Gesundheit und Ernährung sowie als nachwachsende Rohstoffe nutzen. NTFP sind insbesondere Rattan, Bambus, Kork, Gummi, Nüsse, Honig, Früchte, Pilze, medizinische Pflanzen wie Ginseng oder auch das teilweise problematisch gejagte „Bushmeat“ in Afrika.
Es ist eine Frage der Vernunft, weitere Hungerkatastrophen durch NUS und NTFP abzufangen und Ernährungssouveränität voranzutreiben. Man stelle sich nur einmal vor, was passierte, wenn eine Reissorte in Ostasien von einem Schädling befallen würde: Eine Hungersnot wäre wahrscheinlich die Folge.
Die Konzentration auf einige wenige Nutzpflanzensorten ist auch vor dem Hintergrund des Klimawandels und damit einhergehenden neuen Pflanzenschädlingen und -krankheiten sehr problematisch. Schließlich geht es sowohl um flächendeckende Nahrungsmittelversorgung der gesamten Weltbevölkerung als auch um Widerstandsfähigkeit (Resilienz) dieser Versorgung der Landwirtschaft gegenüber wechselnden Umwelt- und Klimaeinflüssen.
Hinzu kommt das sogenannte paradox of the scale oder auch inverse farm size-productivity relationship: Kleine und diversifizierte Farmen weisen eine höhere Produktivität pro Hektar auf als große Monokulturen (Tscharnke et al. 2012). Kleinbäuerliches low input farming ist also auch aus dieser Perspektive sinnvoll. 
Schlussfolgerungen und Ausblick
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Stärkung der lokalen und regionalen kleinbäuerlichen Landwirtschaft, insbesondere in den Entwicklungsländern, große Bedeutung für die Bekämpfung des Welthungers hat (Ernährungssouveränität). Gleichzeitig werden so die Agrobiodiversität gestärkt und die damit verbundenen Ökosystemdienstleistungen erhalten. Es kann mitunter sinnvoll sein, Intensivbewirtschaftung zur Steigerung der Produktionsintensität zu betreiben. In diesem Fall muss dabei aber auf den Erhalt der Ökosystemdientleistungen, z.B. durch Anlegen von Grünstreifen und Kulturwechsel geachtet werden (Mainstreaming von Agrobiodiversität). 
Genauso wichtig wie Maßnahmen zur Förderung von Agrobiodiversität ist ein bewussterer Umgang mit Lebensmitteln in den Industrieländern (Tscharnke et al. 2012).
Die Frage der Ernährungssouveränität und des Erhalts der Ökosystemdienstleistungen wird sich vor dem Hintergrund der Bevölkerungszunahme im Laufe des Jahrhunderts noch dramatisch zuspitzen.
Diercks, S. (2013) Die Rolle der Agrobiodiversität bei der Hungerbekämpfung. Available from: BIO-Diverse_Blog, http://blog.bio-diverse.de/?p=564