BiodiversitätBiologische Vielfalt

Die Biodiversitätsstrategie der EU 2011-2020 – ein Überblick

Die EU-Biodiversitätsstrategie bis 2020 stellt die europäische Umsetzung des „Strategic Plan for Biodiversity 2011-2020“ der Vereinten Nationen dar. Die EU will so ihre Verpflichtungen als Unterzeichnerin des UN-Übereinkommens zur biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) erfüllen. Das zuletzt 2002 gesteckte Ziel der internationalen Staatengemeinschaft, den Biodiversitätsverlust weltweit bis 2010 zu stoppen, wurde nicht erreicht.

Mit der EU-Biodiversitätsstrategie soll der Verlust an biologischer Vielfalt und die Verschlechterung der Ökosystemdienstleistungen in der EU gestoppt werden. Nach Möglichkeit soll bereits zerstörtes Naturkapital wiederhergestellt werden. Gleichzeitig will die EU einen erhöhten Beitrag zur weltweiten Verringerung des Verlustes Biologischer Vielfalt leisten.

Die Strategie besteht aus sechs Hauptzielen:

1. Ziel ist die vollständige Umsetzung der Habitat- und der Vogelschutz-Richtlinie in Verbindung mit dem Aufbau des NATURA 2000-Netzwerks. Dieses schützt die in der EU natürlich vorkommenden Arten und ihre Lebensräume. Lediglich 17 % der im Rahmen der Habitat-Richtlinie geschützten Lebensraumtypen und Arten in der EU weisen einen günstigen Erhaltungszustand auf, bei den Vogelarten sind es immerhin 52%.

2. Ziel ist die Erhaltung und Verbesserung von Ökosystemen und ihrer Dienstleistungen gemäß der CBD und der Studie The Economics of Ecosystems and Biodiversity  (TEEB-Studie). Im Rahmen der CBD wurde 2010 beschlossen, weltweit mindestens 15 % der zerstörten Ökosysteme wiederherzustellen (Strategic goal D/ Target 15). Die Bedeutung und den ökonomischen Wert von Ökosystemdienstleistungen, z.B. durch das Bereitstellen von sauberem Wasser, sauberer Luft oder Nahrungsmitteln,  hat die TEEB-Studie zuletzt 2010 deutlich gemacht.

3. Ziel ist die Erhöhung des Beitrags der Land- und Forstwirtschaft zum Erhalt der Biodiversität, wie ebenfalls im Strategic Plan for Biodiversity 2011-2020 der Vereinten Nationen (Strategic goal B/ Target 7) festgelegt. Während die Landwirtschaft in der EU etwa 40% der Fläche ausmacht, sind es bei der Forstwirtschaft sogar 42,4% (Eurostat 2013: 190). Die ehemals sehr vielfältigen Kulturlandschaften sind zunehmend bedroht, die damit verbundenen Arten, wie z.B. Feldvögelpopulationen oder Feldschmetterlinge gehen drastisch zurück. In diesem Zusammenhang wurde der Biodiversitätsschutz auch stärker in der aktuellen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union berücksichtigt (s. Die GAP-Reform 2011 – 2014 in Hinsicht auf die Biodiversität).

4. Ziel ist die Sicherstellung der nachhaltigen Nutzung von Fischereiressourcen. Denn die meisten kommerziell genutzten Fischbestände erschöpfen sich zunehmend. Die Ökosysteme der Meere sind insgesamt bedroht. 88% der europäischen Fischbestände sind derzeit überfischt oder stark abgefischt (EC 2013). Die Fangquoten sollen bis 2015 auf wissenschaftlich festgelegte Höchstgrenzen gesenkt werden. Diese orientieren sie sich an dem Maximum Sustainable Yield (MSY) und an der Ökosystemverträglichkeit. Außerdem sollen Rückwürfe unerwünschten Beifangs schrittweise eliminiert werden.

5. Ziel ist die Bekämpfung schädlicher invasiver gebietsfremder Arten (IGA). Ökosysteme werden durch die Verdrängung einheimischer Arten geschädigt und aus dem Gleichgewicht gebracht.

6. Ziel ist die Intensivierung der Maßnahmen zur Bewältigung der globalen Biodiversitätskrise. Die EU will ihre finanziellen Verpflichtungen u.a. aus dem  Nagoya-Protokoll der CBD einhalten. Außerdem will Europa seinen „Biodiversitätsfußabdruck“ (in Analogie zum ökologischen Fußabdruck) als weltgrößte Handelsmacht der Welt verkleinern. Dabei soll stärker über die Verantwortung nachgedacht werden, die durch die Ausbeutung biologischer Vielfalt in anderen Erdteilen für den Importbedarf der Europäer entsteht (z.B. durch Kaffee, Holz, Palmöl). Entwicklungsländer sollen stärker bei ihren Bemühungen um den Schutz der Biodiversität und die Sicherung ihrer nachhaltigen Nutzung unterstützt werden.

Fazit
Seitens der Wissenschaft bezog das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (Nefo) eindeutig Stellung: Zum Einen würden in der EU-Strategie nur sechs der eigentlich 20 Nagoya-Ziele der CBD umgesetzt. Zudem werde die Wirtschaft in der Strategie nicht ausreichend in die Pflicht genommen. Den Bezug zur Wirtschaft als einem wesentlichen Treiber des Biodiversitätsverlustes stelle die EU-Strategie nur unzureichend her und beschränke sich dabei auf Land- und Forstwirtschaft sowie die Fischerei.  Andere Wirtschaftssektoren von Energiewirtschaft über Verkehr und Chemie würden trotz ihres entscheidenden Einflusses auf die natürlichen Ressourcen nicht erwähnt.

To be cited as:
Diercks, S. (2013) Die Biodiversitätsstrategie der EU 2011-2020 – ein Überblick . Available from: BIO-Diverse_Blog, http://blog.bio-diverse.de/?p=624