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Einteilung gebietsfremder Pflanzen nach der Einwanderungsweise

von Herbert Sukopp (Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin) und Christian Schneider (St. Jean de Gonville, Frankreich)

Als gebietsfremde Pflanzen werden Pflanzen bezeichnet, die unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein Gebiet gelangen, in dem sie natürlicherweise nicht vorkommen. Diese Pflanzen werden wissenschaftlich Adventivpflanzen genannt. Die heutige Flora und Vegetation Mitteleuropas sind das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses aus natürlichen Vorgängen und menschlicher Einflussnahme. Der Mensch führt aus anderen Gegenden zahlreiche neue Arten ein, die sich im Ankunftsgebiet etablieren können, beschleunigt die Bildung neuer Varietäten oder Formen oder verursacht den Rückgang und das Aussterben von Sippen.
Erst im 19. Jahrhundert haben Wissenschaftler angefangen, sich mit dem Thema der Adventivfloristik zu beschäftigen. Seitdem sind verschiedene Gliederungen der Adventivpflanzen aufgestellt worden. Die wichtigsten Einteilungsprinzipien sind der Einbürgerungsgrad (Grad der Ansiedlung in naturferner, naturnaher oder natürlicher Vegetation), die Einwanderungszeit (Archäophyten oder Neophyten, die vor bzw. nach der Entdeckung Amerikas unter dem Einfluss des Menschen nach Mitteleuropa gelangten) und die Einwanderungsweise. Bei der Einwanderungsweise sind grundsätzlich zwei Fälle zu unterscheiden: (1) vom Menschen absichtlich eingeführte Arten (z. B. Kulturpflanzen, Forstgehölze, Zierpflanzen, Arzneipflanzen) und (2) unabsichtlich eingeschleppte Arten (z. B. als Verunreinigungen von Saatgut, Getreide und Wolle oder mit Verpackungsmaterial). Im Einzelnen werden Adventivpflanzen folgendermaßen unterteilt:

  1. Eingeschleppte Unkräuter der Äcker und Gärten. Diese stellen die älteste Gruppe der Adventivpflanzen Mitteleuropas dar. Manche Arten stammen, wie die Wildformen unserer Getreidearten und der Getreideanbau überhaupt, aus den Steppen und Halbwüsten Vorderasiens, andere aus dem Mittelmeergebiet. Diese Gruppe schließt sowohl Archäophyten als auch zahlreiche Neophyten ein. Beispiele dafür sind der Schwarze Nachtschatten (Solanum nigrum) und die Mäuse-Gerste (Hordeum murinum).
  2. Unkräuter aus Getreideimporten. Dies sind Pflanzen, die als Verunreinigungen mit Importen von Kulturgetreide aus dem Ausland eingeschleppt wurden. Sie wachsen überwiegend auf Güterbahnhöfen und in der Nähe von Getreidespeichern, Mühlen und Brauereien. Ein Beispiel für diese Gruppe ist das nordamerikanische Spitzkletten-Rispenkraut (Iva xanthiifolia), das mit Getreidetransporten nach 1945 in großem Umfang nach Mitteleuropa gelangte. Eine andere Art, der Sievers-Beifuß (Artemisia sieversiana) ist ein häufiger Begleiter der Weizenimporte aus den Neulandgebieten der ehemaligen Sowjetunion.
  3. Pflanzen im Saatgut von Futterpflanzen (vor allem Leguminosen). Diese Pflanzen werden mit importiertem Saatgut, z. B. von Rotklee, überwiegend aus Süd- und Osteuropa sowie aus Nordamerika eingeschleppt. Einige dieser
    Ambrosia artemisiifolia
    Beifußblättriges Traubenkraut © Ulrich Sukopp

    eingeschleppten Arten haben sich dauerhaft in Mitteleuropa eingebürgert. Ein Beispiel ist der Spreiz-Klee (Trifolium patens), der in Süd- und Südosteuropa beheimatet ist. Mit Saatgut von Futterpflanzen gelangte das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) aus Nordamerika nach Europa. Die Pflanze kann beim Menschen heftige Allergien auslösen.

  4. Zierpflanzen und andere Nutzpflanzen. Sie gelten heute als die artenreichste Gruppe der Adventivpflanzen. Weiterhin wurden viele Pflanzen absichtlich
    Helianthus tuberosus
    Topinambur © Ulrich Sukopp

    als Arzneipflanzen, Gemüse- und Obstpflanzen, Bienenweide oder Forstgehölze eingeführt. Die meisten Zierpflanzen wurden während der Renaissance sowie im Eklektizismus eingeführt. Verschiedene Stile der Garten-Parkgestaltung spielten eine große Rolle bei der Einführung dieser Pflanzen. Beispiele dieser Pflanzen sind die Robinie (Robinia pseudoacacia) und der Götterbaum (Ailanthus altissima) (beide verwendet als Zierpflanzen, Bienenweide undForstpflanzen), die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) (Arzneipflanze) und der Topinambur (Helianthus tuberosus) (Gemüsepflanze).

  5. Begleiter von Rasensaatgut. Pflanzen, die als Saat gebietsfremder Gräser oder als Verunreinigungen darin in ein Gebiet gelangt sind, werden Grassamenankömmlinge genannt. Auf diesem Weg kamen nach Mitteleuropa beispielsweise der Raue Sonnenhut (Rudbeckia hirta), eine Pflanze aus Nordamerika, und das Kastilische Straußgras (Agrostis castellana) aus dem Mittelmeerraum.
  6. Containerpflanzen. Dies sind Pflanzen, die mit gezüchteten Gehölzen und Stauden in Töpfen über weite Strecken transportiert werden. Einige Beispiele dafür sind in Deutschland das Behaarte Schaumkraut (Cardamine hirsuta) und die Zwergwolfsmilcharten Chamaesyce humifusa und Ch. maculata, die auf zentraleuropäische Friedhöfe gelangten und sich dort auf den Kieswegen dauerhaft ansiedeln konnten.
  7. Vogelfutterpflanzen. Die Samen dieser Pflanzen werden als Futter für Stubenvögel sowie als Unkräuter darin (Vogelfutterbegleiter) eingeführt. Sie wachsen in der Nähe menschlicher Siedlungen (z. B. bei Futterhäuschen) sowie auf Müllplätzen. Allein in Berlin wurden 60 von diesen Arten nachgewiesen. Als Vogelfutter dienen beispielsweise Hirsen (Panicum– und Setaria-Arten), Kanariengras (Phalaris canariensis), Hafer (Avena-Arten), Hanf (Cannabis sativa), Schlaf-Mohn (Papaver somniferum), Rübsen (Brassica rapa), Lein (Linum usitatissimum), Sonnenblume (Helianthus-Arten) und Salat (Lactuca sativa).
  8. Weitere Gruppen. Weitere Arten wurden mit dem Frostschutzpackmaterial von Südfrüchten eingeschleppt (mehr als 800 in Deutschland), durch den Transport von Wolle (mehr als 1.600 Arten in Europa), als Ölfruchtbegleiter sowie als Transportbegleiter von Holz und Schiffsballast.
    Schmalblättriges Greiskraut
    Schmalblättriges Greiskraut © Ulrich Sukopp

    Fast keine dieser Arten vermochte aber zu einem dauerhaften Bestandteil der Flora und Vegetation Mitteleuropas zu werden. Das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) wurde beispielweise aus Südafrika durch den Transport von Wolle eingeschleppt.

 

Literatur

Sukopp, H. & Schneider, C. 2014. Notizen zur Gliederung und Unterscheidung von Adventivpflanzen. Verh. Bot. Ver. Berlin Brandenburg 147: 5-12.

 

To be cited as:

Sukopp, H. & Schneider, C. (2016): Einteilung gebietsfremder Pflanzen nach der Einwanderungsweise. Available from: BIO-Diverse_Blog, http://blog.bio-diverse.de/?p=929