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Wildformen der Echten Feige in Deutschland

Die Echte Feige, auch Essfeige oder Gewöhnlicher Feigenbaum (Ficus carica L.) genannt, ist ein sommergrüner Strauch bis kleiner Baum, die seit der Antike im Mittelmeerraum als Zierpflanze und wegen ihrer Früchte kultiviert wird. Angebaut wurde sie mindestens schon in der Mykene-Zeit (1400 v. Chr.). Im Alten Testament wurde sie häufig erwähnt und der römische Naturforscher Plinius zählte in seinen Schriften 29 Sorten auf (1). Im Mittelmeerraum ist sie an trockene, felsige und sonnige Standorte angepasst. Wegen des tiefen und schnellwachsenden Wurzelsystems kann sie auch gut auf Ruderalstandorten in Städten unter ungünstigsten Bedingungen überleben.

Ficus carica im Mittelmeerraum
Die Echte Feige im Mittelmeerraum © Luciana Zedda

Nach Deutschland gelangte die Echte Feige nachweislich bereits während der Römerzeit vor über 2000 Jahren, zusammen mit verschiedenen anderen Nutzpflanzen (z. B. Edelkastanie und Echte Walnuss). Archäologen fanden Feigenfrüchte bei Ausgrabungen in Latrinen und Abfallgruben der Römersiedlung bei Xanthen (2, 3). Nach Villaret-von Rochow (4) war Ficus carica sogar in Mitteleuropa und im Mittelmeerraum schon in der Bronzezeit bekannt. In Norditalien (Valeggio) wurden zahlreiche Fruchtkerne der  Echten Feige aus verschiedenen Bodenschichten einer Pfahlbausiedlung des Zeitraums 1700-1500 v. Chr. ausgegraben. Am Südrand der Alpen konnte sich die Art daher sehr wahrscheinlich spätestens während der Späten Warmzeit, aus der die Fruchtfunde stammen, im Gebiet einbürgern. Einige Autoren betrachten die Echte Feige sogar als eine ursprüngliche und einheimische Wildpflanze in Italien, sowie auch in Mitteleuropa. In Süd-, Mittel-, und Nordost-Frankreich wurden Feigenblätter aus den beiden letzten Interglazialzeiten gefunden (4). Aus den Gebieten nördlich der Alpen wurde die Art daher sehr wahrscheinlich durch die Eiszeiten verdrängt (5). Von alten semitischen Völkern im Osten (z. B. Donauufer) wurde die Pflanze ebenfalls kultiviert und später an die benachbarten Regionen im Westen weitergegeben (1).

(Wieder)eingeführt nach Deutschland wurde die Echte Feige in den letzten Jahrhunderten als Gartenpflanze (6). Obwohl die Art nur mäßig frosthart ist, breitet sie sich heute zunehmend in wärmebegünstigten Regionen Deutschlands spontan aus, wie in Baden-Württemberg, im Ruhrgebiet oder im Rheinland (2, 5, 6). Junge Exemplare wurden mehrmals in Frankfurt und sogar in Braunschweig nachgewiesen (1, 8). Nach Gorissen (9) ist die Echte Feige in Bonn seit 1983 bekannt, mit wenigen Funden am Rheinufer. Sie ist allerdings immer häufiger in der Stadt Bonn in wilder Form zu finden und kann sogar Früchte bilden (pers. Beob.).

Feige-Pflanze Bonn-Bad Godesberg
Feigen-Pflanze im Zentrum von Bonn-Bad Godesberg © Luciana Zedda

In Deutschland bevorzugt die Echte Feige windgeschützte, von Menschen überprägte Standorte. Dort wächst sie in engem Kontakt zu Gebäuden: an Hauswänden, Mauerfüßen, Brückenfundamenten, in Pflaster- und Mauerfugen oder Kellerlichtschächten, die weitestgehend das ganze Jahr frostfrei bleiben. Das Vorkommen an naturnahen Standorten ist im Gegensatz hierzu eher selten (2). Die meisten wildwachsenden Pflanzen stammen in Deutschland vermutlich aus beabsichtigter oder unbeabsichtigter Ausbreitung reifer Früchte bzw. Samen durch den Menschen, z. B. auf Wochenmärkten oder Supermarkthöfen, auf Bahndämmen oder an Häfen. Einige Samen könnten sogar aus ungeklärtem Abwasser stammen (5, 7).

Kultivierte und spontan wachsende Feigenbäume bilden in Deutschland nur selten Blüten und Früchte. Wenn Früchte wachsen, werden diese meistens nicht reif (nur nach milden Wintern) oder bilden keine Samen, weil die Pflanze frostempfindlich ist. In Mitteleuropa fehlen außerdem bis jetzt die richtigen Blütenbestäuber (Feigengallwespe) oder blühende Bocksfeigen (eine wilde Varietät von Ficus carica), die für die Bestäubung wichtig sind. Es werden allerdings mittlerweile in Deutschland auch sog. parthenokarpe Sorten verkauft, die in der Lage sind, Früchte ohne Befruchtung zu entwickeln. Winterharte Sorten werden auch zunehmend als Zierpflanzen im Fachhandel angeboten sowie auch andere Ficus-Arten (Punjab-Feige, Johannis-Feige), die z. T. reife, essbare Früchte entwickeln können (2, 6).

Feige mit Früchten in Bonn © Luciana Zedda

Nach der Datenbank „FloraWeb“ des Bundamtes für Naturschutz sowie nach anderen Autoren (7, 9, 10) gilt die Echte Feige als unbeständiger „Neueinwanderer“ (Neophyt) in Deutschland (10). Neophyten sind Pflanzen, die nach der Entdeckung Amerikas unter dem Einfluss des Menschen nach Mitteleuropa gelangten. „Unbeständig“ bedeutet, dass eine Art nur gelegentlich, zerstreut und nicht dauerhaft wild wachsendes Vorkommen in einem neuen Gebiet zeigt (11). Andere Autoren definieren die Art als „Neophyt mit Einbürgerungstendenz“ (3). Weil die Pflanze mindestens schon seit der Römerzeit in den ehemals römisch besetzten Teilen Germaniens nachgewiesen ist und hier möglicherweise auch kultiviert wurde, handelt es sich im Süden und Westen Deutschlands um archäophytische Vorkommen (Archäophyten sind Pflanzen, die vor der Entdeckung Amerikas unter dem Einfluss des Menschen nach Mitteleuropa gelangten). Eine Ausbreitung weiter nach Norden und Osten in Deutschland hat vermutlich erst wesentlich später stattgefunden.

Danksagungen: Prof. Dr. Herbert Sukopp und Dr. Arthur Brande (TU Berlin) sei für die Bereitstellung von Literatur ganz herzlich gedankt.

Literatur
(1) Kräusel, R. 1953. Frankfurter Feigen. Natur und Volk. Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft 83: 80- 86.
(2) Keil, P., Fuchs, R., Buch, C. & Schmitt, R. 2010. Echte Feigen (Ficus carica, Moraceae) in Mülheim an der Ruhr nach dem Kältewinter 2008/2009. Decheniana 163: 63-70.
(3) Hellrigal, K. 2006. Rasche Ausbreitung eingeschleppter Neobiota (Neozooen und Neophyten). Forest Observer 2/3: 1-40.
(4) Villaret-von Rochow, M. 1958. Ficus carica in einer bronzezeitlichen Siedlung Oberitaliens. Veröffentlichungen des Geobotanischen Institutes Rübel in Zürich 34: 138-142.
(5) Bönsel, D., Brunken, U., Gregor, T., Malten, A., Ottich, I. & G. Zizka (2009): Flora von Frankfurt am Main.  Senckenberg Forschungsinstitut, Frankfurt/Main. http://www.flora-frankfurt.de.
(6) Seiler, Ch. 2016. Feigen die neuen Wilden. Gartenpraxis 10: 22-27.
(7) Adolphi, K. 1995. Neophytische Kultur- und Anbaupflanzen als Kulturflüchtige des Rheinlandes. Diss. Univ. Berlin. 271 S.
(8) Brandes, D. 2016. Über einige Neufunde von Neophyten in Braunschweig und Umgebung. Florist. Rundbriefe 50: 37-59.
(9) Gorissen, I. 2015. Flora der Region Bonn. Decheniana-Beiheft 40
(10) FloraWeb http://floraweb.de/pflanzenarten/artenhome.xsql?suchnr=2448& (Stand: 07.12.2017)
(11) Klingenstein, F., Kornacker, P. M., Martens, H. & Schippmann, U. 2005. Gebietsfremde Arten Positionspapier des Bundesamtes für Naturschutz. BfN-Skripten 128: 1- 30.

To be cited as:
Zedda, L. (2017): Wildformen der Echten Feige in Deutschland. Available from: BIO-Diverse_Blog, http://blog.bio-diverse.de/?p=968